Faszination Ausland

Mit dem Motorrad dorthin wo der Pfeffer wächst

Ein Land der Extreme, der Gegensätze und Überraschungen: Incredible India. Mit kaum einem Begriff lässt sich der Subkontinent wohl besser beschreiben.

Marvin Janny und Robin Kroschwald haben Südindien auf eine ungewöhnliche Art bereist: mit dem Motorrad.

Ob scharfes Curry, bunte Saris, Tempelfeste oder Elefanten. Jeder hat ein eigenes Bild vor Augen, wenn es um Indien geht. Der asiatische Staat ist die Nummer zwei der bevölkerungsreichsten Länder dieser Erde. In wenigen Jahren könnte er sogar den Spitzenreiter China überholen. Zwischen Kashmir im Norden und Kanyakumari im Süden leben mehr als 1,3 Milliarden Menschen. Und das auf einer Fläche, etwa zehnmal so groß wie die Bundesrepublik Deutschland.

Marvin hat im Rahmen seines Praxissemesters bei R. STAHL (P) Ltd. in Chennai einen Eindruck von der indischen Kultur bekommen und das Land auf dem Sattel eines fast schon legendären Zweirads bereist.

Doch wieso gerade Indien und wie kommt man auf die Idee, dieses Land mit dem Motorrad zu erkunden?

Indien war nicht Marvins erste Wahl – er wollte eigentlich noch ein Stück östlicher nach Singapur. Aber als er erfahren hat, dass Indien für ihn in Frage käme, wollte er sich auf das Abenteuer einlassen. Denn im Gegensatz zu Indien ist Singapur sehr europäisch geprägt, Indien hingegen zeigt teils sehr krasse Gegensätze in der Bevölkerung und hegt eine eigene Kultur und spannende Herausforderungen. Aber ohne zu viel vorweg zu nehmen – er hat diese Entscheidung definitiv nicht bereut!

Marvin ist schon immer sehr interessiert an Motorrädern und Robin, der seit über zwei Jahren in Indien lebt und arbeitet, besitzt sogar ein eigenes Motorrad, also kam die Frage auf – „Wieso nutzen wir diese Leidenschaft nicht, um das Land zu erkunden?“ – Gesagt, Getan!

Wie, einfach so? Nein, so leicht geht es in Indien leider nicht. Der indische Straßenverkehr ist sehr chaotisch und gefährlich und die Straßenverhältnisse sind nicht ohne. Auch Marvin und Robin haben trotz bereits gesammelter Motorraderfahrung eine zweitägige Probefahrt gemacht, um zu sehen, ob ihr Vorhaben überhaupt gelingen kann. Man sollte als Landesfremder auf keinen Fall alleine einfach so in den Verkehr starten, denn man könnte auch schnell mal, zum Beispiel zwischen einem Bus und einem LKW, eingeklemmt werden.

Made like a Gun

Bei den Motorrädern handelt es sich um Royal Enfields, der ältesten noch produzierenden Motorradmarke aus England.

Das Design im Stil der klassischen englischen Motorräder der 1960er Jahre hat sich über die Jahre wenig verändert. Die ehemalige Waffenschmiede bewarb die Klassiker mit dem Satz „Made like a Gun“. Charakteristisch für die „Bullet“ ist der Klang des Einzylinder Motors mit bis zu 500 ccm Hubraum.
Mit 27 PS gehören diese Motorräder zu den leistungsstärksten, die auf Indiens Straßen unterwegs sind. Gut gefedert und mit relativ wenig Elektronik ausgestattet, sind sie ideal für den Subkontinent, wenn plötzlich wieder ein Schlagloch auftaucht oder aus einer großen geteerten Straße ein schmaler Feldweg wird.

Weitere Tipps für eine Reise in Indien:

  • Empfehlenswert ist es, eine Begleitung zu haben, die die Landessprache spricht, da außerhalb der Großstädte kaum Englisch gesprochen wird.
  • Gerade außerhalb der Stadt sollte man sich nicht alleine auf die Straßenschilder verlassen, sondern sich durch ein Navigationssystem, wie zum Beispiel Google Maps, leiten lassen. Die Schilder an den Straßen in Indien stimmen oft nicht oder sind eben nur in der Landessprache geschrieben.
  • Niemals nachts fahren. Bei Dunkelheit sind viele Fahrzeuge unbeleuchtet unterwegs.

Nach der gelungenen Probefahrt planten die beiden Motorradliebhaber ihre Reiseroute und alles, was dazu gehört, selbst. Tipps für die Strecke holten sie sich bei den einheimischen Kollegen, Marvin lieh sich ein Motorrad aus und sie buchten Unterkünfte für ihre geplanten Stopps auf der Strecke.

Der Hauch von Freiheit und Abenteuer

Die Tour startete in der Nähe von Chennai am Meer und führte vorbei an Reisfeldern, Bananen- und Zuckerrohrplantagen zum ersten Zwischenziel Yercaud. Auf 1500 m Höhe werden hier Kaffee und Pfeffer angebaut. Am Ende des Tages standen 400 Kilometer auf dem Tacho. Solch eine Strecke legen wir hier in Deutschland vielleicht in wenigen Stunden zurück, aber das trifft nicht auf Indien zu. Die Motorräder haben eine Maximalgeschwindigkeit von 140km/h und die Straßenverhältnisse lassen oft nicht mehr als 50 km/h zu, weshalb für jede Etappe ausreichend Zeit eingeplant werden musste.

Doch wie sieht es eigentlich mit dem Tanken aus? Gibt es überhaupt richtige Tankstellen? Ja, die gibt es, sogar recht viele. Allerdings herrscht dort, wie im Verkehr, ziemliches Chaos. Es wird sich auch oft „vorgedrängelt“ und zudem tankt man dort nicht selber, sondern es gibt Tankwarte, die die gewünschte Menge tanken und auch das Geld für den Sprit kassieren.

Nach der ersten Übernachtung führte die Route wieder zurück ins Tal nach Salem. Von dort aus über eine perfekt ausgebaute Autobahn bis nach Mettupalayam am Fuße der Nilgiri Berge weiter über Ooty in Richtung Masinagudi. Der Weg nach Masinagudi führt über 100 Haarnadelkurven auf Nebenstraßen durch eine spektakuläre Landschaft. Da die Wege sehr eng sind, dürfen sie nur bei Tag befahren werden. Vor der Einfahrt in das Gebiet hat man sich bei einem Checkpoint anzumelden und bei der Ausfahrt am selben Tag wieder abzumelden. Auf diesen Passstraßen ist besondere Vorsicht geboten, sei es wegen einer Affenherde, welche auf der Straße sitzt, oder einem Bus, der um eine scharfe Kurve geschossen kommt. Es gibt aber durchaus auch schöne Streckenabschnitte, die das Herz der Motorradfahrer höherschlagen lassen.

Auch bei den zwei Abenteurern ging nicht immer alles glatt. Marvin beispielsweise verlor zwischendurch einmal seinen Auspuff und Robin seine Satteltaschen, aber die beiden ließen sich keinesfalls entmutigen, sondern freuten sich vielmehr über die grüne und vielfältige Natur Indiens.

Auch die nächste Unterkunft lag mitten in den Bergen im Grünen. Dort ist es nicht nur dünn besiedelt und viel sauberer als zum Beispiel in der Großstadt Chennai, sondern auch das Klima ist spürbar anders. Auf 2200 m ist es angenehm kühl bei Temperaturen von 20 °C statt 35 °C in Chennai. Zwei Tage verbrachten sie in der Jungle Hut und starteten von hier eine organsierte Safari durch die Wälder, besichtigten eine Teefabrik, besuchten die Familie eines Kollegen und wurden zu einem traditionellen Mittagessen eingeladen.

 

Eingebettet in die Bergwelt sind die unzähligen Teeplantagen.

Bei der Weiterfahrt begegneten Marvin und Robin tatsächlich noch einem frei herumlaufenden Elefanten, welcher gerade die Straße überqueren wollte. Da wilde Elefanten sehr schnell und gefährlich sein können, sollte man einen größeren Abstand zu ihnen einhalten. Faszinierend war dieser Anblick aber allemal.

Nach weiteren 250 km war der nächste Stopp die Großstadt Bangalore, das Zentrum der indischen IT-Branche. Technologiefirmen aus aller Welt haben hier eine Niederlassung, dementsprechend ist Bangalore weltoffener und westlicher geprägt als das traditionelle Chennai. In Bangalore haben sich einige Pubs und Brauereien etabliert und es gibt sogar vor Ort gebrautes Weizenbier mit Hopfen aus Deutschland. Der letzte Halt auf dem Rückweg war Ambur, da es dort das beste Biriyani (indisches Reisgericht mit vielen Gewürzen, vegetarisch, mit Hähnchen oder Ziegenfleisch) der Region geben soll. Zudem ist Ambur das Zentrum der Lederverarbeitung. Hier lassen viele internationale Marken Schuhe, Taschen und Geldbeutel fertigen. Direkt neben den Fabriken gibt es hier eine große Anzahl an Geschäften, in welchen man mit etwas Verhandlungsgeschick relativ günstig gute Markenprodukte erwerben kann. Mit unvergesslichen Eindrücken im Gepäck ging es nach sieben Tagen und 1.300 km auf den Enfields wieder zurück nach Chennai.